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Ein Piks, Erleichterung und die Hoffnung auf Normalität

ALSFELD (ls). Seit Ende Dezember sind in ganz Deutschland mobile Impfteams unterwegs, um in Altenheimen zu impfen – auch im Vogelsberg. Aber wie läuft das ab? Ein Besuch zur Impfzeit im Alsfelder Haus Stephanus.

Die Erleichterung ist Marion Brömer sichtlich ins Gesicht geschrieben. Das Lächeln, was unter der großen weißen FFP2-Maske verborgen liegt, erreicht ihre Augen. Lange Zeit war der Heimleiterin der Senioreneinrichtung Haus Stephanus in Alsfeld nicht nach Lachen zumute. Aller Schutzmaßnahmen zum Trotz fand das Virus einen Weg ins Heim und zu seinen Bewohnern. Für Marion Brömer war das eine Zeit, die sie so nicht nochmal erleben möchte. „Es war schrecklich“, sagt sie und für einen kurzen Moment wirkt es, als würde sie mit den Tränen kämpfen, wenn sie sich erinnert.

Anfang November drang das Virus in die Alten- und Pflegeeinrichtung ein und infizierte mehrere Bewohner und Mitarbeiter. Zu diesem Zeitpunkt beschränkte sich das Ausbruchs-Geschehen auf eine Wohnetage, später sollte sich der Ausbruch weiter im Haus verteilen. Mitte Dezember waren bereits 19 Bewohner in Zusammenhang mit Covid-19 verstorben, 22 Bewohner und 17 Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt infiziert. „Die Lage ist sehr schwierig“, sagte Marion Brömer damals. Seit Ende Dezember ist das Altenheim endlich wieder „corona-frei“, sogar kleinere Gruppenaktivitäten finden wieder statt – „mit höchstens fünf Teilnehmern und trotz allem auf Abstand“, wie Brömer erklärt.

Der Andachtsraum des Altenheims wurde zu einem corona-konformen Besuchsraum umfunktioniert. Zwei Stühle stehen sich gegenüber, getrennt durch eine Glasscheibe auf einem Tisch. Ein Kreuz prangt an der Wand, es wirkt bedächtig, während sich nebenan im Café des Altenheims bereits einige Mitarbeiter versammelt haben und Gespräche durch den Raum ziehen. Auch das Café mit seiner langen, grünen Lederbank, den bunten Bildern und den langen Tischreihen gehorcht den Corona-Regeln, Glasscheiben und Abstand zwischen den Tischen bieten einen Ort, wo Menschen sich nahe kommen sollen – so nah, wie es in diesen Zeiten eben geht. Einmal in der Woche können die Bewohner der dort Besuch von Freunden oder Familie bekommen.

Doch an diesem Tag hat das Café eine andere Funktion. Es ist ein Anmelde- und Wartezimmer. Es ist der Raum, in dem die Impfung durch das mobile Impfteam organisiert wird.

Mindestens so viel Bürokratie wie Hoffnung

Einen Tag nach Neujahr war das Team bereits schon mal da. 80 Impfdosen hatte es dabei, 50 gingen an die Bewohner, der Rest wurde auf die Mitarbeiter aufgeteilt. Die Zweitimpfung in diesen Fällen ist bereits geschafft, an diesem Samstag sind die diejenigen dran, für die am Anfang nicht genügend Impfstoff da war.

Das Auto der City Ambulanz steht vor der großen Glasfront des Altenheims, seit einer guten halbe Stunde sind Sanitäterin Ellen Fett und ihr Kollege bereits im Haus Stephanus am Werkeln. In den vergangenen Wochen sind sie viel rumgekommen im Kreis, hauptsächlich aber in der Gegend um Schotten und Ulrichstein. Denn dort gibt es viele Altenheime.

Eine Stunde bevor der eigentliche Impfprozess durch die Hausärzte startet, sind die freiwilligen Helfer der City Ambulanz meist vor Ort kümmern sich um die Organisation drumherum. Die Einwilligungsbögen müssen gesichtet werden, die Datenschutzerklärungen ebenfalls. Vorher werden die Krankenversicherungskärtchen der Impfwilligen eingelesen, am Ende die Impfpässe aktualisiert. Streng nach der Liste geht man dabei vor. Der kleine Piks ist mindestens so viel Bürokratie, wie er Hoffnung symbolisiert.

Zwölf Mitarbeiter sind an diesem Tag dran, insgesamt ist die Impfbereitschaft beim Personal hoch, erklärt Brömer später. Gerade ist sie sehr beschäftigt, die Liste der zu impfenden Bewohner fehlt noch. 16 Bewohner stehen an diesem Tag auf de Liste. In einem separaten Nebenraum bereitet derweil ein Apotheker den Impfstoff vor.

Wieder öffnet sich die Tür, die Hausärzte, organisiert in drei Zweierteams, treffen ein. Sie sind es, die den Impfstoff verspritzen. Unter lautem Rascheln ziehen sich Ärzte die blauen Schutzkittel über. Das Team um die Fachärztin Bianka Erhardt-Gerst, was später in den Wohnbereichen selbst die Bewohner auf ihren Zimmern impfen wird, trägt Schutzausrüstung in Weiß. „Es geht gleich los“, hört man Sanitäterin Ellen Fett aus der hinteren Ecke des Raums sagen. Mittlerweile ist Verstärkung für sie eingetroffen. Eine Mitarbeiterin, die später als vierte Person des Tages geimpft werden soll, steht vor dem Tisch des Impfteams. Die Krankenversicherungskarte, Einwilligung- und Aufklärungsbogen in der Hand.

Brömer: „Nach all der Zeit ist das auch wirklich wichtig“

Es sei ein schönes Gefühl zu wissen, dass die Mitarbeiter und Bewohner geimpft werden, sagt Brömer sichtlich erleichtert. „Nach all der Zeit ist das auch wirklich wichtig.“ Die vergangenen Monate seien furchtbar gewesen, dass jetzt wieder ein Stück weit Normalität und wieder etwas Ruhe einkehrt, darauf hat man im Haus Stephanus lange gewartet. Besonders für die Mitarbeiter sei das wichtig, die in den vergangenen Wochen einem hohen psychischem und physischem Druck ausgesetzt waren.

„Wir hatten eine Phase, da waren 18 unserer Mitarbeiter gleichzeitig infiziert, das hat uns hier wirklich einiges abverlangt, dem ganzen Team. Ich bin sehr dankbar dafür, was das Team in den vergangenen Wochen geleistet hat“, sagt sie. Die Impfung bringe Hoffnung, Hoffnung auf ein Stück Normalität, wenn auch die Mutationen der Einrichtungsleiterin Sorgen bereiten.

Die Mitarbeiter, die schon im Januar geimpft worden, haben die Impfung gut vertragen, manche haben nach der Zweitimpfung leichtes Fieber bekommen, erklärt die Einrichtungsleiterin und bittet ihre Mitarbeiter ins Nebenzimmer. Es ist 14.30 Uhr, die Impfdosen sind fertig. Während das Ärzteteam bereits in den Wohnbereichen unterwegs ist und dort Impfungen an die Bewohner verteilt, geht es auch unten fürs Personal des Heims los.

In dem lichtdurchfluteten Aufenthaltsraum ist schon alles vorbereitet. Zehn Tische mit je zwei Sitzplätzen sind arrangiert. Desinfektionsmittel, Handschuhe, Kanülen, Pflaster und Tupfer liegen auf einem Stehtisch im vorderen Teil des hellen Raumes und warten, benutzt zu werden. Nacheinander kommen die ersten vier Mitarbeiter des Altenheims rein und setzen sich an die Tische, während die beiden Ärzteteams um Ärztin Birgit Amthauer und Ärztin Lisa Balles sich bereit machen, Handschuhe überziehen und an die Tische treten. Ruhig und routiniert wirkt der Ablauf.

Die Mitarbeiterin, die wenige Minuten vorher noch an der Anmeldung beim mobilen Impfteam im Café gewartet hat, setzt sich in die Mitte des Raums auf einen Stuhl, breitet alle Unterlagen vor sich auf dem Tisch aus, während Dr. Birgit Amthauer sie nach Vorerkrankungen, bekannten Allergien oder der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten fragt. „Ist es für Sie die Erstimpfung oder die Zweitimpfung?“, erkundigt sie sich. Es ist die erste.

Die Mitarbeiter im Haus Stephanus bekommen an diesem Tag den Impfstoff von Biontech/Pfizer, erklärt Dr. Amthauer, während sie die bereits ausgefüllten Unterlagen durchgeht und die Frau über die Impfung aufklärt. Bei der Erstimpfung sind bislang eher wenige Nebenwirkungen aufgetreten, meist sei nur ein leichtes Druckgefühl und leichter Muskelschmerz an der Einstichstelle. Bei der Zweitimpfung treten manchmal leichte Grippesymptome auf, wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schüttelfrost oder aber auch leichtes Fieber. Das alles, so sagt die Ärztin, sei aber spätestens nach ein paar Tagen wieder alles vorbei.

Gepikst wird in den linken Oberarmmuskel der Frau, kaum merklich und schnell. Gekonnt injiziert die Nelly Amthauer den Impfstoff, innerhalb von wenigen Minuten ist es bereits vollbracht. 15 Minuten bleiben Geimpfte noch unter der Beobachtung der Ärzteteams. Zur Sicherheit, falls doch mal schlimmere Nebenwirkungen auftreten sollten.

Zeit zu Impfen

Es ist ja viel gesprochen worden, über die Bedenken, die Zweifel des Pflegepersonals in der Republik. Die schnelle Entwicklung des Mittels, die unbekannten Langzeitfolgen – einige verzichteten da lieber auf ihr Privileg, sich früh den Schutz verabreichen zu lassen. Nicht so die Mitarbeiterin, der Nelly Amthauer gerade die Spritze verabreicht hat. Bedenken? Zweifel? Davon sieht man nichts. Es ist Erleichterung, die ihr ins Gesicht geschrieben steht.

Für Dr. Amthauer und Nelly Amthauer geht es kurz darauf hoch in die Wohnbereiche, wo die letzten Impfungen des Tages warten. Die Tür öffnet sich. Hier werden die Medizinerinnen schon sehnlichst erwartet. „Zeit zu Impfen“, ruft Frau Hammer fröhlich, als die Ärztinnen das Zimmer der Dame betritt. Sie ist vorbereitet und sitzt bereits am Tisch.

Amthauer versucht, der Dame die Angst zu nehmen, sagt, die Impfung sei bisher gut vertragen worden, den Schmerz spüre man kaum. Aber die Ärztin braucht sich gar keine Mühe zu geben. „Da habe ich schon Schlimmeres durch“, entgegnet Frau Hammer tapfer. Und nach einem kurzen Piks ist auch hier alles vorbei. Zeit, fürs nächste Zimmer.

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